Tiefseebergbau im Pazifik

Bedrohung für die Menschenrechte heutiger und künftiger Generationen

In der internationalen Debatte erscheint Tiefseebergbau häufig als nahezu unvermeidlich: Metalle für Batterien, Rohstoffe für die Energiewende, Versorgungssicherheit und die Verringerung geopolitischer Abhängigkeiten – etwa von China – sowie Wachstumsversprechen neuer maritimer Industrien. Im Südpazifik jedoch wird diese Entwicklung in einem grundlegend anderen Kontext verhandelt. Hier steht nicht primär die ökonomische Chance im Vordergrund, sondern die Frage nach den Rechten indigener Gemeinschaften, selbstbestimmt in und mit ihrem „blauen Kontinent“ zu leben.

Im gesamten Pazifik wächst der Widerstand gegen den industriellen Tiefseebergbau. Für viele Küstengemeinschaften stellt er keine neue Perspektive dar, sondern weckt Erinnerungen an eine Geschichte kolonialer Ausbeutung, deren Folgen bis heute nachwirken. Besonders prägend ist das Trauma der Atomtests in der Region. Zwischen 1946 und 1958 führten die Vereinigten Staaten auf den Marshallinseln – unter anderem am Bikini-Atoll – umfangreiche Tests durch. Ganze Gemeinschaften wurden zwangsumgesiedelt, ihre Lebensräume dauerhaft kontaminiert. Auch Frankreich testete bis Mitte der 1990er Jahre Atomwaffen in Französisch-Polynesien, etwa auf Moruroa. Die gesundheitlichen und ökologischen Folgen wurden lange verschwiegen, viele Betroffene leiden bis heute darunter.

Diese Erfahrungen sind tief im kollektiven Gedächtnis vieler pazifischer Gesellschaften verankert. Sie prägen nicht nur historische Narrative, sondern auch das gegenwärtige Verhältnis zu externen Eingriffen in Umwelt und Ressourcen. Der Ozean wurde wiederholt zum Schauplatz gefährlicher Experimente externer Mächte – mit gravierenden Konsequenzen für Mensch und Natur. Für die betroffenen Gemeinschaften bedeutete dies, dass sie faktisch zu “Versuchskaninchen” wurden, während die verantwortlichen Staaten die Risiken räumlich auslagerten.

Auch Erfahrungen mit extraktiven Industrien, insbesondere dem Bergbau an Land, haben das Vertrauen vieler Gemeinschaften nachhaltig erschüttert. Versprochene Arbeitsplätze und Entwicklungseffekte blieben häufig aus oder kamen nur wenigen zugute. Gleichzeitig kam es wiederholt zu Menschenrechtsverletzungen, Umweltzerstörung und sozialen Spannungen. Gewinne flossen oftmals ins Ausland oder an nationale Eliten, während die lokalen Gemeinschaften die langfristigen Kosten trugen.

Es überrascht nicht, dass Tiefseebergbau in Ozeanien auf breite Ablehnung stößt. Denn er betrifft das verbindende Element der Region unmittelbar: den Ozean selbst. Der tonganisch-fidschianische Autor Epeli Hauʻofa brachte dies prägnant auf den Punkt: „Wir sind das Meer, wir sind der Ozean.“ Das Meer ist in pazifischen Gesellschaften weit mehr als ein geografischer Raum. Es ist Lebensgrundlage, kultureller Bezugspunkt und spiritueller Raum zugleich. Fischerei sichert Ernährung und Einkommen, während traditionelle Praktiken tief in sozialen Strukturen und kulturellen Ausdrucksformen verankert sind. Konzepte wie moana (Ozean) und vanua (Land) verdeutlichen ein Weltverständnis, in dem Mensch und Umwelt untrennbar miteinander verbunden sind. Eingriffe in marine Ökosysteme haben daher nicht nur ökologische, sondern auch tiefgreifende soziale, kulturelle und spirituelle Konsequenzen.

Vieles spricht dafür, dass auch beim Tiefseebergbau das menschenrechtliche Prinzip der freien, vorherigen und informierten Zustimmung (Free, Prior and Informed Consent – FPIC) Anwendung finden muss. Denn selbst wenn Abbaugebiete außerhalb indigener Territorien liegen, können die Auswirkungen ihre Rechte unmittelbar betreffen. FPIC ist für Unterzeichnerstaaten des Übereinkommens Nr. 169 der Internationalen Arbeitsorganisation verbindlich und wird zunehmend als Bestandteil des Völkergewohnheitsrechts verstanden. Auch die UN-Erklärung über die Rechte indigener Völker unterstreicht diese Verpflichtung.

Die potenziellen Folgen des Tiefseebergbaus sind gravierend. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass allein aufgewirbelte Sedimentwolken marine Ökosysteme erheblich beeinträchtigen können. Besonders betroffen sind Hai- und Rochen- sowie Thunfischpopulationen, deren Lebensräume gestört werden. Ihr Rückgang hätte direkte Auswirkungen auf die Ernährungssicherheit vieler Küstengemeinschaften, die auf funktionierende marine Nahrungsnetze angewiesen sind. 

Darüber hinaus sind kulturelle Praktiken gefährdet, die eng mit marinen Ökosystemen verbunden sind. In der Provinz Neu-Irland in Papua-Neuguinea etwa ist das sogenannte „Shark Calling“ ein bedeutender Initiationsritus: Junge Männer fahren hinaus aufs Meer und locken Haie auf traditionelle, spirituell geprägte Weise an. Ein Rückgang der Haipopulationen würde nicht nur ökologische, sondern auch kulturelle Verluste bedeuten. Ähnliches gilt für andere Traditionen im Pazifik, etwa die symbolische Rolle von Meerestieren in kulturellen Praktiken wie dem hawaiianischen Hula.

Das Vorsorgeprinzip verlangt, solche potenziellen Schäden ernst zu nehmen – insbesondere dort, wo wissenschaftliche Unsicherheiten bestehen, die Folgen jedoch irreversibel sein könnten. Tiefseebergbau bleibt ein Experiment mit ungewissem Ausgang, dessen Risiken weit über technische oder wirtschaftliche Fragen hinausgehen.

Die Forderungen nach einem Moratorium oder Verbot des Tiefseebergbaus richten sich daher nicht nur gegen einzelne Projekte. Sie stellen grundsätzliche Fragen nach globaler Gerechtigkeit und der Fortsetzung kolonialer Muster: Entscheidungen über Ressourcen werden häufig ohne echte Beteiligung der betroffenen Bevölkerung getroffen, wirtschaftliche Versprechen bleiben unerfüllt, und die ökologischen sowie menschenrechtlichen Kosten werden externalisiert.

„Unerwünscht, überflüssig und ohne Zustimmung“ (https://www.pacificblueline.org) – Dieses prägnante Motto bringt die Haltung vieler pazifischer Gemeinschaften, Kirchen und zivilgesellschaftlicher Organisationen zum Tiefseebergbau auf den Punkt. Es steht für eine klare Ablehnung eines Industriezweiges, der als Fortsetzung historischer Ungleichheiten wahrgenommen wird.
Im Zentrum der Kritik stehen menschenrechtliche Risiken: die Gefährdung von Lebensgrundlagen, kulturellen und spirituellen Rechten sowie das Recht auf Selbstbestimmung. Letztlich geht es nicht nur um Rohstoffe. Es geht um die Achtung grundlegender Rechte – um das Recht auf Selbstbestimmung, auf Nahrung, auf kulturelle Identität und auf eine intakte Umwelt. Und es geht um die Frage, ob diese Rechte auch für zukünftige Generationen im Pazifik gelten sollen.

Autoren:

Francisco Mari, Brot für die Welt

Klaus Schilder, Misereor

Jan Pingel, Ozeanien-Dialog

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