Warum wir gegen Tiefseebergbau sind …

 

… und du es auch sein solltest.

Regierungen und Bergbaukonzerne wollen uns einreden, dass wir für eine moderne Zukunft die Rohstoffe aus der Tiefsee brauchen. Dabei wird mit Bergbau in der Tiefsee nur wieder ein neuer zerstörerischer Industriezweig in den Meeren aufgebaut. Wofür eigentlich?

 

Gemeinsam mit lokalen Gemeinschaften, Kirchen sowie Umwelt-, Entwicklungs- und Menschenrechtsorganisationen in Ozeanien sagen wir:

Wir brauchen und wollen keinen Tiefseebergbau!

 

Worum geht es?

Seit den 1970er Jahren weiß man, dass es auf dem Boden der Ozeane mineralische Rohstoffe gibt. Diese abzubauen und für die Industrie nutzbar zu machen, ist das Ziel von Tiefseebergbau. Regierungen und Industrie haben dafür Lizenzen zur Erforschung des Tiefseebergbaus bei der Internationalen Meeresbodenbehörde (ISA) erhalten, einer Behörde der Vereinten Nationen (UN). Diese Lizenzgebiete liegen in der Hohen See, dem Teil der Ozeane, der keinem Staat gehört, sondern der internationalen Gemeinschaft. 30 dieser Lizenzgebiete wurden bereits an Staaten und Unternehmen verteilt. Sie umfassen zusammen eine Fläche von 2 Millionen km2. Innerhalb dieser Gebiete wollen Staaten und Industrie zunächst erforschen, was eigentlich auf dem Meeresboden liegt, um dann irgendwann diese Rohstoffe abzubauen.
Das Dramatische daran ist, dass diese Lizenzgebiete, die teilweise 75.000 km2 groß sind, oft in ökologisch sensiblen Gewässern liegen. Bisher ist kaum bekannt, was die Funktion der Rohstoffe im Ökosystem ist, wie das Zusammenspiel der Tiere, Fische, Bakterien und Pflanzen in der Tiefsee funktioniert und welchen Einfluss eine Störung oder Zerstörung des Meeresbodens auf die gesamten Ozeane oder das Klima haben wird.

 

 

Menschenrechte werden verletzt

Ein gängiges Argument der Unterstützer*innen von Tiefseebergbau ist, dass es im Gegensatz zum Bergbau an Land beim Tiefseebergbau keine Menschenrechtsverletzungen gäbe, denn schließlich lebten dort ja keine Menschen. Mit Tiefseebergbau würde somit endlich die Ausbeutung von Menschen im Rohstoffabbau beendet. Das stimmt so aber nicht.
Zum einen gibt es keinen Beweis dafür, dass Tiefseebergbau wirklich zum Ende von Landbergbau führen wird. Im Gegenteil – einige der wichtigsten Investoren in Tiefseebergbauunternehmen sind Landbergbaufirmen – z.B. Glencore. Denn Bergbaufirmen versuchen mit Tiefseebergbau ihr Unternehmensportfolio zu diversifizieren und neue Rohstoffquellen zu erschließen. Den oft menschenunwürdigen Landbergbau wird das nicht beenden. Darüber hinaus gehen die Prognosen zum Verbrauch von mineralischen Rohstoffen davon aus, dass immer mehr Metalle, Erze und seltene Erden für die Industrie und Digitalisierung benötigt werden. Diese sehr problematische Entwicklung des immer weiter wachsenden Ressourcenverbrauchs wird sicherlich nicht dazu führen, dass weniger Bergbau betrieben wird.
Auch das Argument, beim Tiefseebergbau gäbe es keine Menschenrechtsverletzungen, denn schließlich würde dieser tausende Kilometer vor der Küste stattfinden, ist falsch. Neben Gebieten in der Hohen See gibt es nämlich hunderte Lizenzen, die zur Erforschung von Tiefseebergbau in Küstennähe vergeben wurden – teilweise nicht mehr als wenige Kilometer vom Strand entfernt. Diese liegen nicht in internationalen Gewässern, sondern innerhalb der Gebiete von Staaten. Es gelten also jeweils die nationalen Gesetze. Vor allem im Pazifik ist diese Art von Tiefseebergbauvorhaben geplant, mit verheerenden Folgen für die Bevölkerung vor Ort.

 

 

Widerstand im Pazifik

Dem Pazifik und insbesondere den südpazifischen Inselstaaten kommt bei Tiefseebergbau eine besondere Rolle zu. Ihre riesigen Meeresgebiete verfügen über wertvolle Mineralienvorkommen. Auf international verhandelte Regeln muss man hier, im souveränen Gebiet der Inselstaaten, nicht warten. Industrie, andere Staaten und die ISA versprechen den pazifischen Regierungen, dass sie als Pioniere des Tiefseebergbaus neue Einnahmen für ihre Staatskassen generieren können. Dies ist für die Regierungen vieler armer Länder im Pazifik, darunter Papua-Neuguinea oder Nauru, sehr attraktiv.
Doch wenn der Bergbau im Meer vor den Küsten erst einmal beginnt, werden andere wichtige Wirtschaftszweige darunter leiden. Dies gilt insbesondere für die im Pazifik sehr wichtige Kleinfischerei, exportorientierte Fischwirtschaft und den Tourismus. Hinzu kommt, dass einigen pazifische Regierungen von der lokalen Bevölkerung und internationalen Menschenrechtsorganisationen ein hohes Maß an Korruption vorgeworfen wird. Selbst wenn Tiefseebergbau Gewinne abwerfen wird, gibt es große Zweifel, ob diese den Menschen vor Ort zugute kommen. Hinzu kommt, dass insbesondere jene pazifischen Staaten, in denen bereits an Land Bergbauprojekte mit all seinen negativen Folgen für die Menschen und die Umwelt existieren, nun Tiefseebergbau vorantreiben wollen.
Dutzende von Erkundungslizenzen sind mittlerweile von pazifischen Inselstaaten an Konzerne vergeben worden. Dagegen gibt es massive lokale und staatenübergreifende Proteste in Form von Demonstrationen, gerichtlichen Klagen, Unterschriftenaktionen und politischer Lobbyarbeit. Mit Erfolg!
Denn das bisher am weitesten fortgeschrittene Projekt zum Bergbau in der Tiefsee gilt aktuell als gescheitert: Solwara I, so heißt das Abbaugebiet und -unterfangen, in der Bismarcksee von Papua-Neuginea, war jahrelang der Schauplatz von Erkundungen, Maschinentests und Versprechungen großer Gewinne. Doch dank der Alliance of Solwara Warriors (Allianz der Kämpfer*innen für das Meer), einem Zusammenschluss von lokalen Aktivist*innen, Kirchenvertreter*innen, Fischer*innen und Küstenbewohner*innen, musste das kanadische Unternehmen Nautilus Minerals das geplante Abbauvorhaben mehrmals verschieben und mittlerweile beenden.

 

Korruption, Vetternwirtschaft und Intransparenz

Der Stopp von Solwara I und die Insolvenz von Nautilus Minerals war ein großer Erfolg im Kampf gegen Tiefseebergbau. Doch ein neues Unternehmen hat nun den Platz des einflussreichsten Industrieakteurs eingenommen: DeepGreen, ein Konzern ebenfalls mit Sitz in Kanada.
DeepGreen ist allerdings gar nicht so neu, darin liegt auch schon der erste Skandal. Die Geschichte des Unternehmens ist eng mit Nautilus verknüpft. DeepGreen wurde von Robert Heydon, dem ehemaligen Chef von Nautilus, gegründet. Einer der ersten Investor*innen in Nautilus war Gerard Barron. Barron, dessen sechsjähriges Engagement bei Nautilus ihm bei einer Investition von 226.000 US-Dollar 31 Millionen US-Dollar einbrachte, ist mittlerweile Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzender von DeepGreen. Als Vorreiter haben Nautilus Minerals und DeepGreen bereits beträchtliche Gewinne erzielt, ohne dass ein tatsächlicher Abbau stattgefunden hat. Ihr Erfolg beruht auf Spekulation auf das Potenzial von Tiefseebergbau im Pazifischen Ozean. Um Tiefseebergbau im Pazifik voranzutreiben, hat DeepGreen bereits mehrere Lizenzen von pazifischen Staaten, wie Tonga und Nauru, bekommen und arbeitet an deren Tiefseebergbaugesetzgebung mit. Gegen den Willen und unter Protest der lokalen Bevölkerung.
All das steht natürlich nicht in der PR-Strategie von DeepGreen. Vielmehr verkauft sich das Unternehmen als grüne, saubere, menschenrechtskonforme Alternative zum dreckigen Landbergbau. Nur mit den Meeresrohstoffen könne die Energiewende erreicht werden, heißt es. Das stimmt nicht.
Um Kapital zu beschaffen, muss DeepGreen Investor*innen davon überzeugen, dass sie über eine offizielle Genehmigung und die nötige gesellschaftliche Anerkennung verfügen sowie finanzielle Renditen bieten können. Deswegen tritt DeepGreen auch bei den internationalen Verhandlungen für ein Tiefseebergbauregelwerk bei der ISA sehr prominent auf. Und damit sind wir beim zweiten Skandal: Der Generalsekretär dieser UN-Behörde, Michael Lodge, ist vom kommerziellen Potenzial des Tiefseebergbaus so begeistert, dass er sich in seiner offiziellen Position aktiv für das Marketing von DeepGreen einsetzt. Er ist nicht nur in DeepGreen-Werbevideos aufgetreten, sondern hat auch die Interessen des Unternehmens bei Treffen von politischen Entscheidungsträger*innen der Pazifikinseln und durch Vorträge an der University of the South Pacific vertreten.
Die Mitwirkung der Zivilgesellschaft bei der ISA ist auf den Beobachter*innenstatus und auf einige Gremien beschränkt. Diverse Tiefseebergbauunternehmen wiederum sind in der Vergangenheit als Mitglieder in Regierungsdelegationen aufgetreten. Der Chef von DeepGreen, Gerard Barron, nahm bei der ISA-Versammlung im Februar 2019 Naurus Sitz ein und konnte so die Interessen seines Unternehmens vertreten und die ISA-Versammlung dazu drängen, die Abbauregeln rasch fertigzustellen.
Da die von der ISA vergebenen Erkundungslizenzen an Unternehmen sowie deren Berichte an die ISA geheim sind, ist zu befürchten, dass die Abbauregeln, die gerade verhandelt werden, Unternehmensinteressen stärker berücksichtigen werden als den Schutz der Meeresumwelt und der Menschenrechte. Und dass es vor allem um eins geht: Möglichst schnell und möglichst günstig an die Ressourcen der Meere zu kommen. Eine ernsthafte gesellschaftliche Debatte darüber, ob wir die Ressourcen überhaupt brauchen, ob wir die Zerstörung der Meere hinnehmen wollen und auch, wer eigentlich haftet und bezahlt, wenn beim Abbau ein Unfall passiert – all das ist nicht gewünscht.

 

Statt Raubbau brauchen wir eine andere Industrie und Wirtschaft

Unsere Meere gehören uns allen. Der Tiefseeboden ist diesbezüglich sogar ganz offiziell 1970 von den Vereinten Nationen als gemeinsames Erbe der Menschheit erklärt worden. Das bedeutet, dass er auch für zukünftige Generationen vor der Ausbeutung durch einzelne Nationalstaaten und Unternehmen geschützt werden soll.
Doch genau diese Ausbeutung wird jetzt geplant. Auch wenn die Verhandlungen bei der ISA unter dem Mantel der Vereinten Nationen passieren und Mechanismen erarbeitet werden, wie auch Länder des Globalen Südens von den Gewinnen des Tiefseebergbaus profitieren, wird es doch nur eine Minderheit der Menschheit sein, die diese Rohstoffe nutzen können wird.
Denn Tiefseebergbau ist ein Projekt der Industrie und einer kapitalistischen Wirtschaftspolitik. Es konterkarriert jegliche Bemühungen, Ressourcenverbrauch zu reduzieren, von dem hohen Fußabdruck wegzukommen, den die Länder des Globalen Nordens wie Deutschland bereits haben und ein Leben in den Grenzen des Planeten und in Würde für alle Menschen endlich wieder herzustellen.
Tiefseebergbau ist das Gegenprojekt zu den Zielen für Nachhaltige Entwicklung (SDGs), welche die internationale Staatengemeinschaft erst 2015 mit einem großen Fest und einem noch größeren Versprechen einer Transformation unserer Welt hin zu mehr Gerechtigkeit und Ressourcenschutz verabschiedet hat. Und Tiefseebergbau ist auch das Gegenprojekt zu ebenfalls aktuell laufenden Verhandlungen, die Hohe See großflächig unter Schutz zu stellen.
Bergbau im Meer ist ein fatale, falsche Entwicklung. Was wir stattdessen brauchen ist weniger Druck auf die Meere und ihre Bewohner, ob Mensch ob Tier ob Pflanze, weniger industrielle Nutzung und weniger unternehmerische Gier. Wir brauchen eine starke Regulierung zum Schutz der Meere und all jener, die nachhaltig von ihnen leben, eine Kehrtwende in unserer Wirtschaftspolitik und transparente, vertrauensvolle Institutionen.

Photo: Expedition to the Deep Slope from Bruce Strickrott under CC BY 2.0 licence
flickr.com/photos/noaaphotolib/5084205272/in/album-72157638866849503/
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