Tiefseebergbau – Was ist bedroht?

Aufgrund der in der Tiefsee vorherrschenden extremen Bedingungen – wie hoher Druck, absolute Dunkelheit und sehr niedrige Temperaturen – stellt der Abbau der Tiefseerohstoffe eine große technische Herausforderung dar. Technisch möglich ist er inzwischen jedoch im Prinzip. So soll die „Ernte“ von Manganknollen mit riesigen Raupen geschehen, die den Meeresboden umpflügen und die Knollen und Sediment auf ein Aufbereitungsschiff an der Oberfläche pumpen. Die entstehenden Rückstände sollen wieder zurück zum Meeresboden gepumpt werden. Verhüttungsverfahren an Land sind noch in der Erprobung. Da Kobaltkrusten und Massivsulfide fest mit dem Meeresboden verwachsen sind, sollen diese Rohstoffe mitsamt des umgebenden Bodensubstrats mittels tonnenschwerer Unterwasserroboter mechanisch abgefräst, zerkleinert und abtransportiert werden. In jedem Fall ist der Tiefseebergbau mit existenziellen Gefahren für Mensch und Natur verbunden.  Eine genaue Abschätzung der Umweltfolgen ist derzeit so gut wie unmöglich, da bislang viel zu wenig über das Ökosystem der Tiefsee bekannt ist. „Wir wissen mehr über die Oberfläche von Mars und Venus als über den Meeresboden.
Umweltexpert(inn)en sind sich einig, dass der Tiefseebergbau einen gewaltigen und äußerst riskanten Eingriff in die Ökosysteme der Meere bedeuten würde.

Die Folgen sind unabsehbar. Regenerationsprozesse in der Tiefsee laufen wissenschaftlichen Informationen zufolge etwa 25-mal langsamer ab als in Ökosystemen an Land. Mit folgenden schweren Schäden des Ökosystems der Tiefsee ist zu rechnen:

  • langfristige Zerstörung des Meeresgrundes, und damit der bodenbewohnenden und bodennahen Fauna und Flora mit ihrer einzigartigen und noch weitgehend unerforschten Artenvielfalt an Korallen, Schwämmen, Fischen und weiteren Tierarten.
  • Entstehung riesiger Sedimentwolken, die, durch die Strömung bewegt, auch weit entfernte Regionen im Umkreis von Hunderten von Kilometern schädigen werden.
  • Der Einsatz riesiger ferngesteuerter Maschinen am Meeresboden, die durchaus 250 bis 310 Tonnen schwer sein können, wird Lärm, Licht und Vibrationen verursachen, die insbesondere Großsäuger wie Wale und Delfine beeinträchtigen und nachhaltig schädigen können.

Bereits heute sind unsere Ozeane u. a. durch zunehmende Schifffahrt, durch Überfischung, durch die Folgen der Erdöl- und Erdgasförderung und durch die Ansammlung riesiger Mengen an Plastikmüll enorm belastet. Der Tiefseebergbau würde die Menge der Schadstoffe, die in die Meere gelangen, unweigerlich vergrößern. Die zu erwartende zusätzliche Schädigung und Dezimierung der Fischbestände würde die Lebensgrundlage vieler Menschen im Pazifik gefährden. Denn viele von ihnen leben von Subsistenzwirtschaft, überwiegend von der Fischerei; einige auch vom Tourismus. Ein so tiefgreifender Eingriff in das Ökosystem wie er durch den Tiefseebergbau zu erwarten ist, würde den Bewohner*innen des Pazifiks ihre ökonomische Lebensgrundlage entziehen. Für die mehrheitlich indigene Bevölkerung des Pazifiks ist der Ozean Teil ihres spirituellen und kulturellen Lebensraumes. Die gravierenden Folgen des Tiefseebergbaus können für sie den zusätzlichen Verlust ihrer Tradition und Kultur bedeuten.

Gefahren für die Meeresökosysteme

Die teils großflächige Zerstörung des Meeresbodens ist Grundlage des Tiefseebergbaus. Dass dies gravierende, irreparable Schäden der einzigartigen Habitate und fragilen Ökosysteme der Tiefsee mit sich bringen wird, ist in der Wissenschaft unbestritten. Die konkreten Auswirkungen jedoch, die durch solch einen folgenschweren Eingriff kaskadenartig auf andere Ökosysteme übergreifen, sind sehr unterschiedlich. Auch sind die Faktoren, die das tatsächliche Ausmaß negativer Auswirkungen beeinflussen, kaum abschätzbar, da das wissenschaftliche Verständnis der ökologischen Systeme der Tiefsee unzureichend ist.
Schon der Eingriff durch Lärm, Vibrationen und Licht der Maschinen und Versorgungsschiffe während der Abbauphase ist gravierend und Meereslebewesen, wie Wale und Delfine, werden in ihren Lebensräumen stark beeinträchtigt. Zudem werden durch den Einsatz von Kettenfahrzeugen und das Zurückpumpen des Abraums Sedimentwolken freigesetzt, die sich mit den Meeresströmungen ausbreiten und durch die enthaltenen Schadstoffe die Nahrungsketten bis hin zum Menschen unter anderem mit Schwermetallen belasten können.

Die schwerwiegendsten ökologischen Folgen wird die unmittelbare Zerstörung der Habitate selbst verursachen, da die Meeresböden durch Maschinen abgetragen und umgebrochen werden. Für eine profitable Rohstoffförderung in der Tiefsee müssten wesentlich größere Gebiete abgebaut werden, als bei den bisherigen, kleinräumigen Testversuchen. Meereswissenschaftler/innen sehen den Fortbestand der einzigartigen Biodiversität dieser Lebensräume ernsthaft bedroht. Eine Kompensation verlorener Artenvielfalt durch Schutzvorhaben an anderen Orten ist im Falle der Einzigartigkeit der Tiefseeökologie nicht denkbar.

Vor diesem Hintergrund handelt es sich beim Tiefseebergbau in jedem Fall um eine Risikotechnologie, deren Realisierung den Prinzipien einer vorsorgenden Umweltpolitik entgegensteht. Mit dem Abbau der marinen Rohstoffe würde eine der letzten Grenzen für die industrielle Ausbeutung der Biosphäre überschritten. Eine solch sensible Ökoregion, die alle wesentlichen globalen Kreisläufe wie das Klima, maßgeblich beeinflusst, einem derart massiven Eingriff zu unterziehen, ist in Anbetracht der fehlenden wissenschaftlichen Grundlagen hinsichtlich der langfristigen, mittelbaren und unmittelbaren Folgen, unverantwortlich.

Quelle: Miller, Thompson: An Overview of Seabed Mining Including the Current State of Development, Environmental Impacts, and Knowledge Gaps. 2018.

 

Eine weitere Gefahr würden Aufbereitungsanlagen an Land darstellen. Bisherige Erfahrungen aus dem Bergbau an Land und aus der Erdöl- und Erdgasförderung zeigen, dass selbst bei hohen Sicherheitsstandards Umweltschäden und daraus folgende Menschenrechtsverletzungen nicht gänzlich ausgeschlossen werden können. Zu den gefährdeten Rechten zählen u. a. das Recht auf Gesundheit sowie das Recht auf einen angemessenen Lebensstandard, einschließlich Ernährung und sauberem Trinkwasser. Diese Rechte sind in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und in weiteren Menschenrechtsabkommen der Vereinten Nationen festgeschrieben. Im Gegensatz zur Tiefsee sind die ökologischen Auswirkungen des Bergbaus an Land weithin sichtbar und werden häufig durch das Engagement zivilgesellschaftlicher Organisationen aufgezeigt. Die möglichen Schäden in den Ozeanen hingegen sind seitens der Zivilgesellschaft nur schwer aufzudecken und werden daher sehr lange im Verborgenen bleiben, ohne dass etwas dagegen unternommen werden kann.

Beeinträchtigung und Verletzung von Menschenrechten

Eingriffe in das Ökosystem der Ozeane werden massive Auswirkungen auf das Leben der Menschen von  Küstenbewohner/innen haben, da diese oft in enger Verbundenheit mit den Ozeanen leben. Dies kann bis hin zu schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen gehen, wie viele Beispiele im Landbergbau gezeigt haben. Wenn Tiefseebergbau die Meeresumwelt beeinträchtigt, Gewässer verschmutzt, Fischbestände vertreibt und Touristen/innen fernhält, wird den Küstengemeinden die wirtschaftliche Lebensgrundlage genommen. Dies betrifft vor allem die Pazifikregion, wo der Abbau wahrscheinlich zuerst beginnen wird. Weite Teile deren Bevölkerung leben in Subsistenzökonomie vom Fischfang sowie vom Tourismus und sind somit von den Meeren und einer intakten Umwelt abhängig. Viele Gemeinschaften betrachten Ozeanien, ihre Lebenswelt, als einen flüssigen Kontinent. Die Meere sind ein wichtiger Teil ihrer spirituellen und kulturellen Identität, Mensch, Land und Ozean sind untrennbar miteinander verbunden.

Anwohner/innen unterstützt von Vertreter/innen der organisierten Zivilgesellschaft und Kirchen positionieren sich klar gegen den Tiefseebergbau und wollen nicht, dass ihr Lebensraum zu einem Experimentierfeld für eine neue Industrie mit nicht absehbaren Folgen wird. In den pazifischen Staaten sind die Erinnerungen an die Atomtests des letzten Jahrhunderts noch sehr präsent und viele Menschen fühlen sich durch die drohenden Tiefseebergbauaktivitäten erneut dem globalen Norden gegenüber ausgeliefert. Tiefseebergbau kann somit als Verstoß gegen Menschenrechte gewertet werden, denn jeder Mensch hat das Recht auf einen angemessenen Lebensstandard, der Gesundheit und Wohl gewährleistet. Dazu gehört auch das Rechts auf Nahrung oder das kollektive Recht aller Menschen auf eine saubere Umwelt. Die unterzeichnenden Organisationen stehen im Kampf gegen Tiefseebergbau solidarisch an der Seite der pazifischen Bevölkerung.

Hohe Risiken und Kosten – kaum Gewinn für betroffene Gemeinschaften

Selbst ökonomisch ist der Tiefseebergbau nicht nachhaltig, wie eine Studie des Wirtschaftsministeriums aus dem Jahr 2016 zeigt. Die technischen und logistischen Herausforderungen sowie Risiken beim Tiefseebergbau sind groß und der Abbau extrem kostenintensiv. Durch den großen Einsatz von Technologie und der benötigten wissenschaftlichen Expertise sind auch die Arbeitsplatzeffekte für die vom Rohstoffabbau betroffenen Gemeinschaften minimal.

Dem Schutz der Tiefsee als „Erbe der Menschheit“, wie es von der UN beschlossen wurde, steht der Tiefseebergbau diametral gegenüber. Der Abbau von Tiefseerohstoffen widerspricht zudem den von der UN 2015 verabschiedeten Zielen für nachhaltige Entwicklung (SDG), allen voran SDG 14, das für den Erhalt und die nachhaltige Nutzung der Ozeane, Meere und Meeresressourcen im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung steht.

Die Tiefsee spielt auch eine wichtige Rolle im globalen Kohlenstoffkreislauf und damit für das Klimasystem und den fortschreitenden Klimawandel. Ein erheblicher Teil der vom Menschen verursachten Kohlendioxidemissionen wird von den Ozeanen aufgenommen. Der direkte Einfluss des Tiefseebergbaus auf diese Senkenfunktion ist nicht erforscht. Die Zerstörung der Ökosysteme der Tiefsee könnte den Kohlenstoffzyklus empfindlich stören. „Ozeane bedecken 70 Prozent des Planeten. Sie sind die größten Sauerstofflieferanten, erzeugen das Klima und können Quelle von Naturkatastrophen sein“, so die deutsche UNESCO-Kommission. Und weiter: „Durch Überfischung, Versauerung, übermäßigen Nährstoffeintrag und Vermüllung sind Ozeane stark gefährdet. Wir brauchen mehr Bewusstsein, klare Regeln und wissensbasierte Governance, um dem entgegenzuwirken.“ Zu Recht weist die Kommission darauf hin, dass die 17 globalen Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals – SDGs) mit dem SDG 14 ein eigenes Ziel zum Schutz der Meere enthalten.

Mit der vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) als „Zukunftsvertrag für die Welt“ bezeichneten Agenda 2030 hat auch Deutschland sich verpflichtet, geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um dieses Ziel bis 2030 umzusetzen. Investitionen in den Tiefseebergbau widersprechen dieser Verpflichtung. Ungeachtet der vielen offenen Fragen und der erkennbaren Risiken schreitet die Entwicklung neuer Technologien für den Tiefseebergbau voran.

 

Von technikadmin Tiefseebergbau 0 Kommentare

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