Was ist Tiefseebergbau?

Bricht ein globaler Goldrausch in den Weltmeeren aus? 30 Kilometer vor der Insel Neuirland in Papua-Neuguinea will das kanadische Unternehmen Nautilus Minerals Anfang 2019 am Meeresboden nach Seltenen Erden und Edelmetallen graben. Diese unterseeische Lagerstätte, Solwara 1 genannt, beherbergt Massivsulfide: Gesteinsbrocken, in denen Gold, Kupfer, Nickel, Kobalt und andere Metalle enthalten sind. Das Material ist begehrt für die steigende Produktion von Smartphones, Windrädern und Batterien. Am Meeresboden ist die Konzentration der Edelmetalle oft größer als in Erzen an Land: bei Probemessungen von Nautilus Minerals zeigte sich, dass durchschnittlich sieben Prozent Kupfer in den unterseeischen Metallklumpen stecken. An Land geförderte Erze enthalten rund ein Prozent. Die Goldkonzentration beträgt nach Angaben des Unternehmens bis zu 20 Gramm pro Tonne Abbaugestein im Vergleich zu sechs Gramm pro Tonne an Land. Ein Erfolg dieses Projekts könnte daher ein globales Wettrennen um die Schätze der Tiefsee lostreten.

Quelle: Brot für die Welt, Fair Oceans, 2018: Solwara 1, Bergbau am Meeresboden vor Papua-Neuguinea. Hintergründe, Folgen, Widerstand

Aufgrund dieses im Vergleich zu terrestrischen Lagerstätten außergewöhnlich hohen Gehaltes verschiedenster Metalle wecken diese Vorkommen bereits seit Jahren weltweit die Interessen vieler Staaten und Unternehmen. Auch Deutschland hat großes strategisches Interesse an diesen Rohstoffen, denn das exportstarke Land ist zu 100 Prozent abhängig vom Import zahlreicher Metalle. Eisen, Kupfer, Nickel, Kobalt, Lithium, Molybdän, Platin, u. v. a. sind für die Produktion in Deutschland und die Wettbewerbsfähigkeit ganzer Wirtschaftssektoren unabkömmlich geworden. Der globale Markt für Metalle ist jedoch hart umkämpft. Die Bundesregierung und eine Vielzahl deutscher Unternehmen versprechen sich durch den direkten Zugriff auf die marinen mineralischen Rohstoffe, die sie durch den Erwerb von Lizenzen erlangen, eine größere Unabhängigkeit von Rohstoffimporten. Zudem bietet der Tiefseebergbau ein wirtschaftliches Zukunftsfeld für deutsche Unternehmen durch die Entwicklung neuer Technologien. Aus diesem Grund unterstützt die Bundesregierung eine Reihe von Forschungsvorhaben und Industrieinitiativen in diesem Sektor. Auch die EU und einige ihrer Mitgliedsstaaten sind am Tiefseebergbau interessiert und investieren in die entsprechende Forschung. Im Fokus des Interesses stehen Manganknollen, Kobaltkrusten und Massivsulfide – drei mineralische Rohstoffe, die ab 800 Metern Meerestiefe vorkommen.

Manganknollen sind kartoffelgroße Mineralanreicherungen, die insbesondere die chemischen Elemente Mangan, Eisen, Kupfer, Nickel und Kobalt sowie andere Substanzen wie Molybdän, Zink, Lithium Vanadium und Spuren Seltener Erden enthalten. Die Knollen bedecken riesige Bereiche der Tiefseeebenen im Pazifik sowie im Indischen Ozean meist in Wassertiefen unterhalb von 3500 Metern.

Kobaltkrusten sind Ablagerungen von Mineralien, die sich an den Flanken submariner Gebirgszüge und Seeberge vor allem im Westpazifik in Tiefen von 1000 bis 3000 Metern bilden. Sie entstehen durch die Ablagerung von im Wasser gelösten Mineralien und enthalten vor allem Mangan, Eisen, Kobalt, Nickel sowie Platin und Elemente Seltener Erden.

Massivsulfide konzentrieren sich vor allem an den Austrittsstellen heißer Quellen am Meeresboden (so genannte Schwarze Raucher). Das über Risse und Spalten in die Erdkruste eingedrungene Wasser wird in den Magmakammern der Tiefe erhitzt und löst dabei metallhaltige Mineralien aus dem Gestein. Durch die Erwärmung steigt das mineralgesättigte Wasser auf und schießt aus dem Meeresboden heraus. Beim Kontakt mit dem kalten Meerwasser löst sich die Mineralfracht und bildet die charakteristischen mehrere Meter hohen Schlote. Massivsulfide mit je nach Region unterschiedlichen Anteilen an Kupfer, Zink, Blei, Gold und Silber sowie an zahlreichen wichtigen Spurenmetallen wie Indium, Germanium, Tellur oder Selen sind an vielen vulkanisch aktiven oder erkalteten Stellen des Meeresbodens zu finden. Einen Sonderfall bilden die Massivsulfide im Meeresgebiet von Papua-Neuguinea, da sie über einen hohen Gold- und Silberanteil verfügen.

Alle drei Rohstoffe bilden sich äußerst langsam. So wachsen Manganknollen nur 10 bis 100 Millimeter pro Million Jahre; Kobaltkrusten sogar nur 1 bis 5 Millimeter. Massivsulfide benötigen Jahrtausende, um auf ein für einen Abbau interessantes Volumen anzuwachsen. Verwendung finden die in den Tiefseerohstoffen vorhandenen und zum Teil seltenen Metalle vor allem in der Stahlproduktion, in der Autoindustrie, in Batterien, LEDs, Akkus, Elektronik, Smartphones, in der Schmuckindustrie oder auch in Solarzellen.

 

Rechtlicher Rahmen

Das Meer wurde durch das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen (SRÜ) in verschiedene Rechtszonen aufgeteilt. Je nachdem, wo sich die Lagerstätten der Rohstoffe befinden, gelten unterschiedliche rechtliche Grundlagen für Exploration (Erkundung) und mögliche Förderung. Das SRÜ trat 1994 in Kraft und gilt als „Verfassung der Meere“. Es definiert die Ozeane als „gemeinsames Erbe der Menschheit“,

Quelle: Brot für die Welt, Fair Oceans, 2018: Solwara 1, Bergbau am Meeresboden vor Papua-Neuguinea. Hintergründe, Folgen, Widerstand

das geschützt werden muss. Über das Seerechtsübereinkommen wird die Nutzung der Meere, wie Fischfang, Schifffahrt, wissenschaftliche Meeresforschung und Umweltschutz, Rohr- und Kabelverlegung, Erdöl- und Erdgasförderung und auch der Tiefseebergbau geregelt. Insgesamt sind bislang 166 von insgesamt 193 UN Mitgliedsstaaten sowie die EU dem SRÜ beigetreten. Viele Pazifikstaaten, darunter Papua-Neuguinea und Fidschi, sind dem Abkommen beigetreten. Leider fehlen unter den Mitgliedstaaten nach wie vor einige politisch einflussreiche Staaten, wie die USA. Aber auch einige rohstoffreiche Entwicklungsländer, darunter z.B. Peru, sind noch nicht beigetreten. Die Gründe, warum Staaten diesem wichtigen internationalen Abkommen nicht beitreten, sind unterschiedlich. Zum Teil liegen sie in Streitigkeiten über Nutzungsrechte oder Hoheitsgebiete. Bei Rohstoffvorkommen in internationalen Gewässern, also auf der Hohen See, greifen für alle Mitgliedsstaaten die Regeln des SRÜ. Um eine mögliche kommerzielle Ausbeutung der Bodenschätze in internationalen Gewässern zu regulieren, wurde 1994 mit Inkrafttreten des SRÜ die Internationale Meeresbodenbehörde (IMB) gegründet. Diese Institution mit Sitz auf Jamaika verwaltet die Rohstoffreichtümer und vergibt die Explorationslizenzen für den Tiefseebergbau in internationalen Gewässern. Außerdem hat sie darauf zu achten, dass Gewinne aus dem maritimen Bergbau gerecht an alle Staaten, insbesondere auch an landumschlossene Entwicklungsländer, verteilt werden. Seit 2001 hat die IMB 26 Erkundungslizenzen für marine mineralische Rohstoffe an Staaten wie Japan, Russland, Frankreich, China, Indien und Deutschland genehmigt. Bei einigen von ihnen steht lediglich die förmliche Vertragsvergabe noch aus. Damit sind Lizenzen für eine Gesamtfläche von 1,2 Millionen Quadratkilometern
vergeben, die nun von Staaten bzw. internationalen Firmen, die im staatlichen Auftrag oder mit staatlicher Genehmigung handeln, erkundet werden können. Die Lizenzen haben jeweils eine Laufzeit von 15 Jahren und können um fünf Jahre verlängert werden. 2016 sollen die ersten Lizenzen auslaufen, welche dann zum Teil um weitere fünf Jahre verlängert oder in Abbaulizenzen umgewandelt werden können. Falls sie bereits einmal verlängert wurden, müssen die Explorationslizenzen in Abbaulizenzen umgewandelt werden, sonst würden sie verfallen und müssten neu beantragt werden. Die IMB hat bislang ein Regelwerk zum Tiefseebergbau während der Explorationsphase verabschiedet, das eine Reihe von Schutzmaßnahmen vorschreibt. So muss beispielsweise jeder Interessent, der eine Explorationslizenz erwirbt, sich dazu verpflichten, bei einem zukünftigen Abbau der Rohstoffe einen Teil des Lizenzgebietes unberührt zu belassen. Damit möchte die Meeresbodenbehörde Schutzgebiete ausweisen, von denen ausgehend sich die Ökosysteme nach der industriellen Nutzung regenerieren können. Außerdem hat die IMB in der CCZ Schutzgebiete ausgewiesen, in denen der Tiefseebergbau gänzlich verboten ist. Ein Regelwerk für den Abbau der drei Rohstofftypen in der Tiefsee gibt es bislang aber nicht. Die IMB will solch eine Vorschrift in den kommenden Jahren verabschieden und damit vor dem möglichen Beginn einer industriellen Förderung auf Hoher See einen internationalen Standard zum Schutz der Meere setzen.

Quelle: Brot für die Welt, Fair Oceans, 2018: Solwara 1, Bergbau am Meeresboden vor Papua-Neuguinea. Hintergründe, Folgen, Widerstand

Viele Tiefseelagerstätten, insbesondere von Massivsulfiden und Kobaltkrusten, befinden sich aber nicht auf Hoher See, sondern innerhalb der Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) eines Staates. Die AWZ erstreckt sich bis auf 200 Seemeilen (circa 370 Kilometern) seewärts und ist sehr oft mit dem Festlandsockel identisch, d.h. dem flach oder steil abfallenden Meeresboden vor der Küste. Der Festlandsockel ist wirtschaftlich von großer Bedeutung, da in dieser Zone Erdöl, Erdgas sowie andere Rohstoffe vorkommen können. Zwar gehört die AWZ nicht zum Hoheitsgebiet eines Staates, allerdings haben die Küstenländer in dieser Zone die alleinigen Zugriffsrechte auf die Energie- und mineralischen Rohstoffe sowie die Meeresflora und -fauna, vor allem die Fischbestände. Die AWZ kann unter gewissen geologischen Umständen auf 350 Seemeilen (rund 648 Kilometer) ausgedehnt werden, was für viele Staaten wirtschaftlich  höchst interessant ist. So haben über 50 Länder bereits solche Anträge an die UN-Kommission zur Begrenzung des Festlandsockels (CLCS)
gestellt. Weitere werden sicherlich folgen. Insgesamt umfassen die AWZ weltweit ungefähr ein Drittel der gesamten Meeresfläche. In den AWZ liegen die Vergabe der Explorations- und Abbaurechte und damit auch die Verantwortung für den Umweltschutz nicht in den
Händen der IMB, sondern bei den jeweiligen nationalen Regierungen. Sofern ein Staat das SRÜ ratifiziert hat bzw. ihm beigetreten ist, müssen die nationalen Gesetze den Regeln des Abkommensentsprechen. In vielen Entwicklungs- und Schwellenländern zeigt sich jedoch, dass die dortigen Regierungen nicht in der Lage oder nicht willens sind, ihre nationalen Gewässer wirksam vor Umweltverschmutzungen und die Menschen vor deren Folgen zu schützen. Entsprechende Erfahrungen aus der Offshore-Erdölförderung belegen dies. Gleiches gilt für Erdölförderung und Bergbau an Land. Versucht ein Staat doch einmal, z.B. durch neue oder bessere Gesetze, seine Bevölkerung zu schützen, muss er mit Schadenersatzforderungen internationaler Unternehmen in erheblicher Höhe rechnen. Sollten den Unternehmen – z.B. aufgrund der Verschärfung von Umweltauflagen – während der Projektlaufzeit zusätzliche Kosten entstehen, können sie in vielen Fällen die Staaten vor Schiedsgerichten verklagen.

 

Weitere Informationen:

Misereor Positionspapier
Für eine Welt ohne Tiefseebergbau. Im Fokus: Der Pazifik

Brot für die Welt – Blog
Nein zum Tiefseebergbau im Südpazifik

 

Photo: Expedition to the Deep Slope from Bruce Strickrott under CC BY 2.0 licence
flickr.com/photos/noaaphotolib/5084205272/in/album-72157638866849503/
creativecommons.org/licenses/by/2.0

Von technikadmin Tiefseebergbau 1 Kommentar

1 Kommentar

  • Ich wusste nicht, dass in den Tiefen des Meeres auch Bergbau betrieben wird. Die Welt gibt uns so viele Rohstoffe, es ist echt interessant. Danke für diesen Interessanten Artikel. Ich konnte eiiges daraus nehmen.

    Mailin Dautel,
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